Die Rinderseuche BSE ist ausgerottet, gibt die EU jetzt bekannt. Mit einer Ausnahme: eine kleine Insel in der Ostsee.
Von Jakob Vicari
Von außen sieht die umgebaute Lagerhalle aus schmutzigem weißen Stein nicht nach Spitzenforschung aus. Doch das Geheimnis des Rinderwahnsinns BSE, es soll in diesem Stall auf der Insel Riems in der Ostsee gelöst werden. Der Wahnsinn wedelt hier mit schwarz-weißen Schwänzen. Um ihn zu sehen, muss man an der Rückseite des Stalls auf eine klapprige Holzbank steigen. Von der Decke hängt eine blaue Plastiktonne, eine Schubberbürste soll Abwechslung vom Stall-Alltag bieten. Dahinter stehen die Rinder aufgereiht, vielleicht zwanzig, von der Bank aus sieht man nur die Hinterteile. Sie könnten hier ein glückliches Kuhleben haben. Bis er kommt, der Wahnsinn, den sie alle in sich tragen.
›Die BSE-Erreger schlummern jahrelang im Verborgenen. Und dann plötzlich, als ob eine Uhr abgelaufen ist, geht alles ganz schnell‹, sagt Martin Groschup, ›das macht den Erreger so einmalig.‹ Groschup, 51 Jahre alt, leitet die BSE-Versuche am Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit. Friedrich Löffler begann hier auf Riems vor hundert Jahren mit der Erforschung von Tierseuchen. Die Insel ist noch heute Zentrum der Tierseuchenforschung. Sie ist Sperrgebiet, die Ostsee bildet einen natürlichen Schutzwall.
›Als wir mit unserer Forschungsarbeit begonnen haben, gab es sechs deutsche Fälle‹, sagt der Direktor des ›Instituts für Neue und Neuartige Tierseuchenerreger‹. Zu wenig, um daran ernsthafte Forschung zu betreiben. Also werden in Riems bereits im Jahr 2001, als die panische Öffentlichkeit noch um jedes Stück Rindersalami einen großen Bogen macht, die ersten 56 Kälber eingekauft – garantiert BSE-frei. Groschups Team gibt jedem der Kälber 100 Gramm gesüßtes englisches Rinderhirn von BSE-kranken Tieren zu fressen – und infiziert sie so mit BSE. Dann heißt es für die Wissenschaftler warten.
Zu diesem Zeitpunkt könnte man meinen, in den Ostsee-Laboren würde das Überleben des deutschen Verbrauchers gesichert. In Deutschland herrscht BSE-Panik. Zwei Bundesminister hat die Seuche das Amt gekostet. Die Nachfrage nach Rindfleisch bricht ein, mit 9,9 Kilogramm sinkt der Pro-Kopf-Konsum um die Hälfte, und dies obwohl die Krankheit eigentlich nicht neu ist – der erste deutsche BSE-Fall wurde bereits 1993 gemeldet. Per Hubschrauber kommen Proben mit immer neuen Verdachtsfällen nach Riems.
Die Forscher arbeiten auf Hochtouren. Doch die Versuche brauchen vor allem eins: Zeit. Alle vier Monate wird auf der Insel ein Kalb geschlachtet. Aus jedem Stück Gewebe, von der Netzhaut bis zum Blinddarm, nehmen die Wissenschaftler Proben. Als die Seuchenangst in den Supermärkten ihren Höhepunkt erreicht, ist immer noch kein Kalb der Versuchsherde krank. Nach 32 Monaten stellen Groschups Leute beim ersten Rind BSE fest. Für jeden Bauern ein Albtraum, für die Seuchenforscher ein großes Glück. Eine ganze Herde mit BSE-infizierten Rindern, die hat sonst niemand.
Heute steht der Versuchsstall wie ein Überbleibsel aus dem Kalten Krieg im Schatten des Institutsneubaus, der gerade für 150 Millionen Euro auf Riems entsteht – zur Erforschung der nächsten gefährlichen Seuchen. Die öffentliche Aufregung ist längst vorbei und die Epidemie scheinbar auch. 125 infizierte Tiere zählten die Behörden hierzulande zum Krisenhöhepunkt im Jahr 2001. 2005 waren es noch 32, 2007 vier und in den letzten beiden Jahren wurden nur noch zwei infizierte Tiere entdeckt.
Für die EU diese Woche Anlass, die fast vollständige Ausrottung der Rinderseuche zu verkünden. Die Kommission schlägt jetzt den Mitgliedsstaaten vor, ihre Sicherheitsvorschriften zu lockern. So soll die Verfütterung von Tiermehl wieder erlaubt werden. Bauern dürften dann wieder Rindermehl an Schweine und Hühner verteilen. Allerdings weiterhin kein Tiermehl an ein- und dieselbe Tierart.
Anfang letzten Jahres, nach mehr als zwei Millionen BSE-Tests bei geschlachteten Rindern, hatten die Deutschen schon das Alter, ab dem alle Schlachtrinder getestet werden müssen, von 30 auf 48 Monate angehoben und damit die Zahl der vorgeschriebenen Untersuchungen halbiert. Mandeln, Darm sowie Hirn und Rückenmark (ab zwölf Monaten) von geschlachteten Tieren werden weiter als Sondermüll verbrannt.
Warum noch forschen, meint deshalb Sucharit Bhakdi, der Direktor des Instituts für Mikrobiologie der Universität Mainz: ›Die Experimente auf der Insel Riems sind irrsinnig, wahnsinnig.‹ Die Wissenschaft habe BSE ohnehin hochgespielt und eine Hysterie verursacht, meint Bhakdi: ›Es gab Anfang der 90er Jahre viele kranke Rinder in England, sehr viele. Sie waren so voll mit BSE, dass sie nicht mehr laufen konnten, diese Rinder. Was ist aus ihnen geworden?‹, fragt er an diesem Tag einen Saal voller Berliner Lebensmittelkontrolleure. Er schweigt, genießt den Effekt, schüttelt nur leicht den Kopf bevor er fortfährt: ›Die 180 000 todkranken Tiere wurden von Ihnen gegessen. Wenn Sie in England gewesen sind, liegt die Wahrscheinlichkeit bei circa 30 bis 40 Prozent, dass Sie verseuchtes Fleisch zu sich genommen haben.‹ Dann schiebt Bhakdi betont locker hinterher: ›Das macht nichts. Das Risiko sich anzustecken ist gleich Null.›
Die vielen Millionen Euro für BSE-Tests wären seiner Meinung viel besser in den Laboren der Universitätskliniken angelegt gewesen. ›Dort könnte man zum Beispiel mehr Proben auf antibiotika-resistente Erreger untersuchen. An denen sterben Menschen, weil für ausführliche Untersuchungen kein Geld da ist.‹
›Wer sich jetzt im Nachhinein hinstellt und sagt, BSE war nie eine Gefahr, der macht es sich zu einfach. Die Bevölkerung war verunsichert. Es war wichtig, BSE umfangreich zu erforschen. Und es gibt immer noch viele offene Fragen‹, hält dem Institutsdirektor Groschup auf der Insel Riems entgegen. Seine Leute haben inzwischen die Herde von Versuchsrindern zu 180 000 Proben weiterverarbeitet.
Dabei konnten sie die Ausbreitung von BSE durch den Körper verfolgen: Wie die mit dem Futter aufgenommenen BSE-Prionen vom Darm ins Hirn gelangen. Die Nervenfasern, die auch Herzschlag und Verdauung kontrollieren, sind die Trasse, über die sich die Erreger vorarbeiten. Im zentralen Nervensystem angekommen, vermehren sich die Prionen millionenfach. Die speziell gefalteten Proteine zwängen gesunden Eiweißmolekülen ihre Faltungsform auf und lösen damit eine Kettenreaktion aus, die immer mehr Nervenzellen zerstört.
›Die wenigen Fälle bei Menschen zeigen, dass die Entfernung des Risikomaterials beim Schlachten richtig war‹, sagt Groschup – den fast 220 vCJK-Fällen im Rest der Welt steht kein einziger in Deutschland gegenüber. Kein Wunder, dass sich für seine Forschung eigentlich nur noch die Kanadier und Briten interessieren: ›Von dort bekommen wir unsere Hauptförderung‹, sagt Groschup.
Aber auch er meint: ›BSE ist im Griff‹. Sein Institut bereitet sich auf die nächsten neuen und neuartigen Seuchen vor, die Tier und Mensch befallen: West-Nile-Virus, Henipaviren und das Krim-Kongo-Fieber. Vielleicht wird das Geheimnis der Prionen nie geklärt werden. Vielleicht hat BSE seinen nächsten Auftritt, wenn der erste Deutsche mit durchlöchertem Gehirn stirbt. Aber vielleicht ist die Seuche auch einfach tatsächlich besiegt.
Erschienen in
Badische Zeitung
Autor
Jakob Vicari
freier Wissenschaftsredakteur
Datum
24.7.2010
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