Vor 115 Jahren deutet Sigmund Freud seinen ersten Traum.
Von Jakob Vicari
In einer großen Halle auf Schloss Bellevue stehen Gäste. Ein Mann nimmt eine Frau zur Seite. ›Wenn du noch Schmerzen hast, so ist es wirklich nur deine Schuld‹, sagt er. Sie antwortet: ›Wenn du wüsstest, was ich für Schmerzen jetzt habe im Hals, Magen und Leib, es schnürt mich zusammen.‹ Der Mann ist Sigmund Freud, die Frau seine Patientin Irma. Es ist Freuds Traum in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli 1895 – der bedeutendste Traum der Wissenschaftsgeschichte. Denn vor 115 Jahren ist dieser Traum der erste, den der Psychoanalytiker deuten wird. Vierzehn Seiten widmet Freud dieser Interpretation. Dabei entwickelt er seine berühmte Methode der Traumdeutung. Freud nimmt an, dass hinter dem Traum, an den wir uns erinnern, unbewusste Wünsche stecken. Zur Deutung muss er den Vorgang des Träumens rückgängig machen. Freud fragt sich zum Beispiel, warum er als Arzt seiner Patientin Vorwürfe macht: ›Ich merke (…) an dem Satz, den ich im Traum zu Irma spreche, dass ich vor allem nicht Schuld sein will an den Schmerzen, die sie noch hat‹, schreibt er. Eigentlich drückt das im Traum Gesagte nur einen eigenen unbewussten Wunsch aus. Dieses Verfahren des Suchens nach Verborgenem wird typisch für die Psychoanalyse. Die Antwort gefällt Freud so gut, dass er nach dem Tod seines Vaters 1896 anfängt, seine Träume systematisch zu analysieren. ›Ich benütze jetzt meinen Schlaf im Bibliothekszimmer dazu, meine Träume zu notieren, was in zehn Jahren eine schöne Arbeit ergeben wird‹, schreibt er an seine Schwägerin. Für ihn sind alle Träume Wunschträume. Freuds Kritiker Medard Boss wirft Freud vor, er habe Träume erfunden, die in seine Theorie passen: Die Traumdeutung, so Boss, ›ruht deshalb auf einem rein erfundenen Fundament‹.
Erschienen in
Badische Zeitung
Autor
Jakob Vicari
freier Wissenschaftsredakteur
Datum
24.7.2010
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