Ufer der Wasserschlangen

An einem Abschnitt der Mosel überlebt ein rares Reptil
Von Jakob Vicari
Sigrid Lenz ist einer der wenigen Menschen, die sich über die Begegnung mit einer Wasserschlange freut. Mit tastendem Schritt läuft sie am Ufer der Mosel entlang, den Kopf leicht gesenkt, um den Boden vor ihr abzusuchen. Sie hält Ausschau nach Würfelnattern, den wohl seltensten Schlangen Deutschlands. In der Roten Liste steht hinter »Würfelnatter« eine Eins, das heißt sie ist in Deutschland akut vom Aussterben bedroht.
»Beißfaul« nennen Schlangenforscher die bis zu einem Meter langen, ungiftigen Tiere, denn statt anzugreifen, sondert sie aus Stinkdrüsen ein übelriechendes Analsekret ab. Eine stinkende Wasserschlange ist so ziemlich das letzte, wofür Menschen Geld in die Spendendosen von Artenschützern werfen. Dennoch haben Sigrid Lenz und ihre Mitstreiter vor zehn Jahren Berge in Bewegung gesetzt, um die letzten Würfelnattern zu retten. Das Würfelnatter-Projekt zeigt, dass schon kleine Maßnahmen eine Art vor dem Aussterben bewahren können.
Auf einem ehemaligen Campingplatz an der Mosel wurden 5000 Kubikmeter Erde abgetragen um künstliche Würfelnatter-Buchten zu bauen, 2000 Tonnen Wasserbausteine wurden in den Fluss gekippt. Einige Betonplatten auf denen früher Wohnwagen standen, dienen jetzt den Würfelnattern als Sonnenplätze. Ohne die Maßnahmen wären die letzten deutschen Würfelnattern heute ausgestorben. Nahe dran waren sie bereits.
Als aus der Mosel eine Bundeswasserstraße wurde, betonierte man die Uferauen zu wie einen Kanal. Zwischen 1960 und 1964 wurden alle Uferbereiche zubetoniert, die davor für die Würfelnatter geeignet gewesen waren. Die Schlangen kamen nicht mehr in den Fluss. Ähnlich sah es an Lahn und Nahe aus, den anderen deutschen Flüssen, in denen noch Würfelnattern lebten. Die einstmals weit verbreitete Wasserschlange war nahezu verschwunden. Erst zehn Jahre später hat man die letzten Mosel-Würfelnattern an einem etwas mehr als einem Kilometer langen Uferstück im Unterlauf gefunden. Es waren noch höchstens 100.
Paradies mit Algengeruch
An diesem Ufer steht nun Sigrid Lenz. Es ist matschig und riecht nach Algen. Der schmale Streifen zwischen Uferstraße und dem trägen Fluss ist kein Ort, an den man leicht sein Herz verliert. »Ein Paradies«, widerspricht Lenz und deutet auf die künstlichen Buchten, in denen Fische laichen. Kaum zwei Kilometer lang ist das Würfelnatter-Paradies. Es ist ein der winzigen Flächen, wie sie typisch ist für die über 5300 deutschen Naturschutzgebiete.
»Hier ist eine«, ruft Lenz und lacht. In ihrer Hand schlängelt sich eine olivbraune Würfelnatter. Lenz erkennt sie sofort wieder. »Die hatte ich gestern schon«, sagt sie. Sie deutet auf eine charakteristische Narbe am Schwanz. »Eine typische Motorbootverletzung,« sagt sie und füllt einen Erfassungsbogen aus. Es riecht nach fauligem Fisch. Das ist der Geruch, den die Schlange absondert, wenn sie sich bedrängt fühlt. Dass die Nattern sich weiter ausbreiten, ist unwahrscheinlich. Geeignete Kiesauen gibt es an der Mosel sonst nirgends mehr.
Weil die Mosel Bundeswasserstraße ist, musste ein Wasserbauingenieur die Würfelnatter-Buchten planen. Im Gefolge der Nattern siedelten sich auch Eidechsen, Libellen und Käfer an. Auf den ersten Blick sieht das Ufer aus wie jeder andere Abschnitt auch. Die Schilder, die auf das Naturschutzgebiet hinweisen, sind nach dem Winter noch nicht aufgestellt. Der verwilderte Uferstreifen der Würfelnattern erinnert in nichts an ein Naturschutzgebiet aus dem Bilderbuch. »Das ist Absicht«, sagt Lenz, »so ist es kein einladender Picknick-Platz.« Denn wenn im Sommer unter jedem Schieferstein am Ufer junge Würfelnattern liegen, ist jeder Schritt eine Gefahr.
An der Straße hält ein schwarzer Geländewagen. »Da ist Naturschutzgebiet«, ruft der Fahrer verärgert herüber. Er fährt weiter, bevor Lenz ihn mit ihrer Ausnahmegenehmigung erreicht hat. »Wir brauchen hier gar keine Ranger«, sagt Lenz. Die Bevölkerung sei stolz auf ihre Würfelnattern, obwohl sie den Schlangen eigentlich nie begegne. »Die Älteren erzählen noch von den Würfelnattern im Wasser als sie schwimmen gelernt haben,« sagt sie.
Das Würfelnatter-Projekt hatte einen langen Namen im Behördendeutsch. Der hat wenig mit der Würfelnatter zu tun, deutet aber darauf hin, dass Artenschützer in Deutschland sich nicht an Bäume ketten müssen, sondern Artenschutz ein bürokratischer Kampf ist.
Allein um den Abstand des Reptilienzauns an der Bundesstraße festzulegen, waren lange Verhandlungen nötig. Schließlich wurde der Zaun im Hang errichtet, fern des Zugriffs der Straßenverwaltung. Gerade zählt Lenz zum ersten Mal die Bestände. »Gefühlt sind es mehr geworden«, sagt sie. Die Würfelnatter könnte den Sprung von der extrem seltenen Art zur sehr seltenen Art geschafft haben. Vom Aussterben bedroht ist sie in Deutschland immer noch. Ein einziges Tankerunglück kann das Aus für sie bedeuten.

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Erschienen in
Süddeutsche Zeitung

Autor
Jakob Vicari
freier Wissenschaftsredakteur

Datum
23.5.2008




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